Management und Leadership

Management und Leadership

Ralph Eckhardt

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Management und Leadership

Der kürzeste Weg zwischen zwei Fettnäpfchen... oder was Murphy's Gesetz bewirken kann

Haben Sie sich schon mal die Frage gestellt, ob Sie ein Manager oder ein Leader sind? Diese Frage können Sie für sich beantworten, wenn Sie die Unterscheidung der beiden Begriffe nach John P. Kotter (* 1947) heranziehen. Der in der Management-Forschung bekannte Harvard-Professor und Autor des Buches „Leading Change“ hat schon im Jahr 1990 klare Unterscheidungen zwischen den beiden Begriffen getroffen. Professor Kotter ist der Meinung, dass die Fähigkeiten, die einen Manager und einen Leader kennzeichnen, sich so stark unterscheiden, dass sie selten in einer Person zusammenkommen. Chefs, egal ob männlich oder weiblich, sind fast immerin einer der beiden Kategorien deutlich besser als in der anderen. In von Kotter durchgeführte Studie zeigte, dass von 200 befragten Managern insgesamt 95 Prozent bestätigten, dass ihr Unternehmen Vorgesetzte habe, die zwar sehr stark in Management, aber nicht in der Führung wären. Zu dieser Feststellung kann man auch heute noch kommen. Fakt ist, es mangelt vielerorts an Führungskräften,  die beide Qualitäten besitzen. Ein Grund, warum viele Mitarbeiter in der heutigen Zeit der Meinung sind, ihre Firma sei „over-managed“ oder „under-led“.

Eine Führungskraft in der Luftfahrt benötigt beide Qualitäten, Management als auch Leadership-Skills. Glauben Sie mir, sonst würden Sie als Passagier nicht mehr bei mir oder meinen Kollegen einsteigen. Und weil das schon vor vielen Jahren erkannt wurde, richtete man den Fokus sowohl auf die Unterscheidung als auch auf die Verbesserung von Management und Leadership. Daraus hervor ging der Ansatz des Crew Ressource Management und der Definition des Airmanships.

 

Nicht nur Kotter ist der Ansicht, dass man Leader (also das Leadership in Menschen) ausbilden kann. Die Luftfahrt macht genau das, und zwar sehr erfolgreich seit mehr als 40 Jahren. Geringe Unfall- und Zwischenfallzahlen sind der Beweis. Doch ob der Ansatz gelingt, Leadership Skills neben Management Fähigkeit zu entwickeln, hängt nicht nur von den Tools bzw. der betroffenen Person ab, sondern auch von Mitarbeitern und dem Unternehmen selbst. Denn drei kritischen Faktoren sind dabei unverzichtbar: Die Persönlichkeit, Erfahrung und Kultur.

Nennen wir es Management-Fehler, Probleme einer Führungskraft oder ineffizientes Team. Es gibt genauso viele Gründe für ein Versagen im Job wie es Gründe gibt, warum es bei Zielen, mit Projekten oder in Prozessen nicht klappt. Das dumme an der Sache ist, je komplexer die Aufgabe und je knapper das Zeitfenster, desto mehr geht schief. Warum ist das so? Weil subjektiver Workload und Stress dann steigen. Fehler passieren dann quasi von allein. Aber muss das sein? Ich sage NEIN, denn als Pilot kann ich mir schlimme Fehler nicht leisten, sonst würden SIE bei mir nicht einsteigen. Ich muss aus Fehlern lernen, vorbeugen. Sie würden SIE nie mit mir in den Urlaub fliegen.

Berufspiloten wie ich lernen ein Leben lang. Technik, Systemkunde, Meteorologie, Aerodynamik, Flugphysik. Ob Simulator, Klassenzimmer oder Flugzeug. Wir analysieren Leistung und Motivation, Einstellung und Kompetenz. Blicken auf Fehler und Schwächen. Aber auch auf Stärken und Talent. Doch führt allein diese Methodik dazu, dass das Fliegen das sicherste Verkehrsmittel der Welt ist? Dass Sie unbesorgt in ein Flugzeug steigen? Wieder NEIN. Ein Baustein fehlt. Es fehlt der nicht-technische Aspekt, der täglich für tausend gute Starts und Landungen sorgt. Der Milliarden unfallfreie Flugkilometer im Jahr produziert. Und Abermillionen unbesorgte Passagiere sicher ans Ziel bringt.

Piloten sind wahre Experten der nicht-technischen Aspekte, genauer gesagt, auf dem Gebiet der Human Factors, der menschlichen Faktoren. Piloten verstehen viel von Workload und Stress, kennendie eigene Leistungsfähigkeit und Tagesform, achten auf Fatigue und si tuative Aufmerksamkeit,sorgen sich um Zeit- und Risiko-Management, treffen dauerend Entscheidungen. Sie arbeiten imTeam, sind flexibel, halten Regeln und Grenzen ein. Ich wiederhole mich ungern: Aber wäre das nicht so, dann würden SIE nicht mehr bei mir und meinen Kapitäns-Kollegen einsteigen. Garantiert!

Human Factors ist ein Pflicht-Fach für kommerzielle Piloten. Am Anfang der Ausbildung. Regelmäßig. An mehreren Tagen pro Jahr. Nimmt man nicht an dieser Ausbildung teil, fliegt man nicht. Es geht umnicht-technische Herausforderungen und Probleme, zusammen mit dem Verständnis von Grenzen der menschlichen Leistung. Diese Piloten-Schulung nennt sich Crew Resource Management (CRM). Und aufgrund intensiver Forschung befinden wir uns inzwischen schon in der 6. Generation des CRM.

Nicht-fliegerische Branchen (sogenannte High Reliability Organisations, HRO ́s) haben sich in denletzten Jahren viel von diesem nicht-technischen Wissen abgeschaut. In der Seefahrt und Medizin, der Energiewirtschaft und der Polizei, bei Notfalldiensten, in der Pharma-Industrie. Vielerorts trifft man auf Verfahren, Methoden und Werkzeuge, die aus der Luftfahrt stammen. Ich bin Mitglied im Beirat des Aktionsbündnisses Patientensicherheit CIRSforte. Berate Mediziner und Wissenschaftler. Unterstütze das öffentliche Anliegen, den Gesundheitsbereich genauso sicher und effizient zu machen wie die Luftfahrt. Und ich behaupte: Was hier geht, geht auch in Firmen und Projektgruppen.

Wenn das alles so ist, warum gibt es dann Unfälle und Zwischenfälle in der Luft? Air France Absturz im Atlantik, Lion Air Unfall in Indonesien. Immer wieder passiert was. Richtig, immer wieder passiert was. Letztendlich sind wir nur Menschen. Wir machen Fehler, sind nicht vollkommen. Auch die Technik ist nicht 100%. Doch ohne Instrumente und Werkzeuge des CRM würde es mehr Abstürze und Zwischenfälle geben. Täglich bleiben Piloten und Passagiere am Leben, weil die Toolbox funktioniert. Dazu gehört Lernen aus Fehlern (Lessons Learned Konzept), sinnvolle Kommunikation (z.B. Briefing vs. Meeting), das Prinzip der Vereinfachung und Operationalisierung von Zielen.

Um die tatsächliche Sicherheit in der internationalen Luftfahrt von der möglicherweise nur gefühlten Sicherheit abzugrenzen, blicken wir auf ein paar Daten des DeutschenStatistischen Bundesamtes.

Im Vergleich zu Auto, Bus, Bahn und Straßenbahn kommt es in der gewerblichen Luftfahrt zu weitaus weniger Unfällen und Personenschäden. Und das, obwohl in einem Flugzeug oft mehrere Hundert Passagiere sitzen. Im Kfz sind es meist nur 1 oder 2 Geschädigte. Wenn also mal etwas passiert, dann wirkt sich das deutlich auf die Statistik aus. Dennoch: Die rechte Spalte „Flugzeug“ spiegelt die gewerbliche Fliegerei wieder. Zwischen 2005 und 2009 kam es dort zu einem Bruchteil der Ereignisse im Vergleich zu allen anderen Verkehrsmitteln. Der Unterschied zwischen „Luftfahrt insgesamt“ und „Luftfahrt Flugzeug“ ist der, dass in der ganz rechten Spalte ausschließlich Piloten unterwegs sind, die große Kenntnisse und eine Ausbildung im Bereich der Human Factors haben, also in CRM. Für Privat- & Hobbypiloten ist diese Ausbildung keine Pflicht. Kenntnisse sind hier nicht vorhanden. Leider. Sonst gäbe es sicherlich noch weniger Unfälle und Zwischenfällein der Luft.

Ich möchte die Relevanz und Effektivität der Werkzeuge und Methoden aus dem Bereich des Crew Resource Managements deutlich zu machen. Alle Piloten schätzen ihren Wert. Der Begriff Airmanshipsteht für die Fähigkeit, Werkzeuge und Instrumente aus der CRM-Toolbox gezielt anwenden zu können. Hat ein Pilot kein bzw. mangelhaftes Airmanship, so wird er den Beruf nicht lange ausüben. Er wird aussortiert oder leider irgendwann einen Unfall haben. Dabei können die wenigsten Pilotenden Begriff richtig erklären. Aber jeder Pilot wird mir zustimmen: Wenn jemand gutes Airmanship hatbzw. zeigt, erkennt man das direkt und ohne Zweifel.

Anstelle ein Inhaltsverzeichnis der Toolbox (ohne die es kein Airmanship gibt) mit Anleitung zur Anwendung der Methoden/Werkzeuge zu geben – das ist ja Sinn meiner Vorträge und Workshops – führe ich 12 Aspekte auf, die Airmanship gefährden oder unmöglich machen. Und wir wissen: Ohne Airmanship gibt es keine sicheren Flüge. Ohne Airmanship steigen SIE nicht mehr in ein Flugzeug.

  1. Kommunikations-Upset: Keine oder mangelhafte Sachinformationen, kein aktives Zuhören und Verstehen
  2. Complacency: Selbstzufriedenheit, mit oder ohne Verlust bzw. Reduzierung von SA bzw. Risikobewusstsein
  3. Teamwork-Fehler: Ineffiziente Zusammenarbeit, um ein gemeinsames (operationalisiertes) Ziel zu erreichen
  4. Defizite: Unzureichende Kenntnisse/Fähigkeiten/Training/Übung für die durchzuführende Tätigkeit
  5. Fatigue: Müdigkeit von Arbeit/Anstrengung, Nervosität oder zeitweise Unfähigkeit zu reagieren
  6.  Ablenkung: Fokus liegt nicht auf Tätigkeit bzw. Arbeit
  7.  Falsche Ressourcen-Nutzung: Schlechte Nutzung von Ressourcen (Zeit, Personen, Material, Infos) um gewünschte Ziele zu erreichen
  8. Fehlende Assertiveness: Mangelhafte Darstellung des eigenen Willens oder Absicht
  9. Stress: Mentale, emotionale bzw. physische Belastung
  10. Verlust von SA (Situativer Aufmerksamkeit): Mangelhafte Wachsamkeit bzw. Aufmerksamkeit für Gesamtsituation oder Details
  11. Schlechte Normen: Anwendung allgemeiner/gängiger Best Practices, ohne Prüfung von Richtigkeit und Gültigkeit
  12. (Operativer) Druck: Schlechte Chancen/Nutzung-Abwägung bzw. Herstellung von Zeitnot oder Eile